Zweites Staatsexamen nur ausreichend – und nun?

Wer sich, wie ich, regelmäßig die Statistiken zu dem zweiten Staatsexamen ansieht, der weiß, dass im VB Bereich nur etwa so viele landen, wie das Staatsexamen nicht bestehen, nämlich etwa 1/6 aller Kandidaten. Weit mehr bleiben irgendwo zwischen Ausreichend und Befriedigend stecken.

Es hat sich aber auch herumgesprochen, dass die Endnote für viele Personalentscheider das Ausschlußkriterium ist. In vielen Kanzleien und Unternehmen läuft das nach wie vor so ab, dass zunächst auf die Note geschaut wird und erst dann auf die Bewerberin oder den Bewerber. Kann man dabei eine Note jenseits der Befriedigend-Linie vorweisen, so stehen die Chancen auf eine Einstellung scheinbar schlecht.

Scheinbar? Ich will mit diesem Artikel versuchen, Denkanstöße für die Jobsuche nach dem Examen geben, mit dem Focus darauf, dass die Abschlussnote doch nicht so toll geworden ist.

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Was kann ich besser als andere?

Als erstes sollte man in sich gehen und fragen, was man eigentlich besser als andere kann. Denn eins sollte klar sein. Nach vielen Jahren Jurastudiums, können wir alle die Basics aus Schuld-, Straf- und Verwaltungsrecht. Damit kann man keinen Personaler beeindrucken. Mehr noch: auch besonders gute Basiskenntnisse – und mehr ist uns in dem Studium und Ref in der Regel nicht vermittelt worden (siehe die Prüfungsordnungen), werden in der Praxis niemanden umhauen.

Daher die Frage nach den eigenen Alleinstellungsmerkmalen. Bin ich gut in Sport? Kann ich besonders eloquent reden? Sehe ich hübsch aus? Bin ich politisch oder sozial engagiert? Habe ich ausreichend Startkapital? Habe ich gute Beziehungen in die Wirtschaft oder Politik? Habe ich gute Fremdsprachenkenntnisse oder Auslandserfahrungen? Habe ich andere Qualifikationen außer Jura?

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Wohin gehen?

Rechtsanwalt und Rechtsanwältin

Die laienhafte Vorstellung, wer Jura studiert wird Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt ist zwar etwas zu generalisierend aber im Grunde zutreffend. Nach der Erhebung der BRAK waren 2013 insgesamt 163.190 Rechtsanwälte (davon nur 54.000 Rechtsanwältinnen, was doch sehr bemerkenswert ist) zugelassen (ein Plus von knapp 2.000 Zulassungen gegenüber dem Vorjahr). Die größten RAK sind dabei erwartungsgemäß Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Köln und München. Auf einen Rechtsanwalt kommen damit rein rechnerisch mittlerweile etwa 497 Bürger. Noch größere Anwaltsdichte findet man in Europa sonst nur in Großbritannien, Spanien, Italien und Island. Im weltweiten Vergleich ist der deutsche Anwaltsmarkt noch relativ entspannt. In USA oder Israel kommen schon etwa 240 Bürger auf einen Anwalt. Würde man diese Wahnsinnszahl auf meine Wahlheimat Dormagen, NRW mit 62.500 Anwohner umrechnen, wäre ich hier von 260 Anwälten umgeben. Ich glaube, so viele Büroräume gibt es gar nicht in Dormagen. Tatsächlich sind es nur eine Hand voll.

Die Zahl der zugelassenen Anwälte nimmt dabei stetig zu. Waren es 1950 nur knapp 13.000 Berufsträger, so nähern wir uns mit jährlichen Zuwachsraten von 1-1,5 % der 200.000 Marke. Alleine 2012/2013 begannen 168.000 Studenten ein Studium mit dem rechtswissenschaftlichen Bezug.

Noch wichtiger als die Zahl der Anwälte, ist für die Frage der Berufsperspektive, die Altersstruktur.  Im Bundesdurchschnitt sind die Anwälte gerade mal 47,5 Jahre jung. Die ältesten (über 50 Jahre) sitzen am BGH (61 Jahre) und Zweibrücken (50 Jahre). Nah dran bewegen sich die obigen Ballungsräume. Die jüngsten finden sich dagegen in den Neuen Bundesländern (etwas mehr als 46). Am Rande vermerkt, in Frankfurt gab es 2012 sogar einen 100 Jährigen, zugelassenen Rechtsanwalt.

Was folgt aus den nackten Zahlen? Es sind viele und werden noch mehr, die sich den – im Grunde gleichbleibenden Kuchen – teilen müssen. Das schlägt sich auch auf die Einkünfte nieder, wenn auch nicht so drastisch, wie die Statistiken nahelegen würden. Kleinere Kanzleien zahlen Berufsanfängern etwa 38.000 € brutto im Jahr. Großkanzleien etwa 20.000 € mehr.

Das Problem ist aber, dass der Bedarf an Nachwuchsjuristen sich nicht wesentlich verändert, während dem Markt immer mehr Absolventen zur Verfügung stehen. Damit ist es die größte Herausforderung für einen Absolventen mit einer unterdurchschnittlichen Note, überhaupt eine Anstellung zu bekommen.

Was also tun? Das Zauberwort ist Spezialisierung. Auch wenn die Note für viele ein Ausschlussgrund ist, so ist es die Aufgabe des Bewerbers durch sein Gesamterscheinungsbild positiv aufzufallen. Dazu gehört ein brennendes Interesse in ein sehr spezielles Rechtsgebiet, was man beispielsweise durch eigene Publikationen im Web und Print oder Zeugnisse und Zertifikate nachweisen kann. Auch der Abschluss eines Fachanwaltslehrgangs kann die Chancen erhöhen.

Die Spezialisierung kann ergänzt oder ersetzt werden durch Zusatzqualifikationen, wie Sprach- oder sonstige Kenntnisse und Erfahrungen, die in einer speziellen Kanzlei von Wert sein kann.

Auch der Lebenslauf kann eine Rolle spielen. Besonders interessante Kandidaten sind solche, die wie Diamanten viele Facetten aufweisen können und sich von dem Mainstream unterscheiden.

Hat man sich also darauf festgelegt, dass der Anwaltsberuf es sein soll, so stellt sich die Frage nach dem Wo? Mit einer schwachen Note muss man bereit sein, seine Heimat- oder Unistadt zu verlassen und sich eine neue Bleibe zu suchen. Dabei sind zwei Überlegungen wichtig. Ballungsräume wie die oben genannten bieten viele Kanzleien aber auch viele Mitbewerber. Kleinere Ortschaften sind bei den VB Kandidaten eher unbeliebt und daher für die Jobsuche geeigneter. Die Gehälter dort sind aber entsprechend der Mandantenstruktur niedriger. Dafür hat man in einem kleineren Ort eventuell eine bessere Work-Life-Balance. Für eine bessere Übersicht kann man ganz simpel "Anwalt" in die Google Maps Suche eingeben.

Viele rote Punkte = nicht hingehen. Keine roten Punkte = sich näher anschauen!

anwaltsdichte

Die Wahl geht dann ganz zwanglos vonstatten: "geh dorthin, wo viele roten Punkte angemessen weit entfernt sind".

Die letzte Frage ist nach dem Wie. Man kann sich nämlich überlegen, eine eigene Kanzlei zu gründen. Die Existenzgründung sollte aber gut überlegt sein. Man stelle sich nur vor, dass man als Berufsanfänger dann urplötzlich nicht nur mit den praktischen Fällen, welche man im Studium und dem Vorbereitungsdienst wahrscheinlich nicht behandelt hat, beschäftigen muss, sondern auch den Kanzleialltag organisieren, überwachen und das Ganze auch noch finanzieren muss. Ganz nebenbei bemerkt, kommen die Mandanten auch nicht von selbst. Eine Kanzleigründung wird unter diesen Umständen erst nach 4-5 Jahren erste Früchte tragen. Hast Du die finanzielle Kraft, diese Zeit zu überbrücken?

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Öffentlicher Dienst

Im Öffentlichen Dienst sind traditionell über 50% der Juristen tätig. Arbeitgeber wie BND, Bundeskartellamt, Auswärtiges Amt, Bundeswehr, Justiz (Richter, Staatsanwalt), Verwaltung (Polizei, Landratsamt, Ministerien, Landschaftsverbände, Kommunen) sind die üblichen Verdächtigen.

Wer nun meint, im öffentlichen Dienst, erheblich höhere Chancen zu haben, irrt. Stärker noch, als bei den Kanzleien, kommt es den Entscheidern hier auf die Abschlußnote an. Warum? Ganz klar – der Grundsatz der Bestenauslese, der sich an objektiven, nachprüfbaren Maßstäben orientieren muss. Es ist daher viel leichter die Eignung anhand der Abschlußnote zu beurteilen, als anhand von anderen Kriterien, die die Persönlichkeit des Bewerbers prägen. Zum anderen streben die Verwaltungen nach Entbürokratisierung und Rationalisierung der Abläufe. Zwangsläufig führt die Budgetkürzung auch zu Personaleinsparungen in allen Bereichen.

Auf der anderen Seite, beklagen sich die Verwaltungen in den letzten Jahren zunehmend darüber, dass sie für den höheren Verwaltungsdienst ab A13 (aktuell 3.970 € im Monat) keine geeigneten Bewerber finden.  Wer also in den öffentlichen Dienst will, muss sich auf Stellen bewerben, die bei den Top-Kandidaten eher ungeliebt sind. Dabei gibt es ganz schön spannende Aufgaben im öffentlichen Dienst, welche einem jedoch nicht auf Anhieb in den Kopf kommen. Die Stellenausschreibungen findet man auch nicht ganz leicht in den Onlinestellenbörsen oder in dem entsprechenden Stellenmarktteil der Zeitung.

Hier ein paar Vorschläge:

  • Bergverwaltung (z.B geologischer Dienst NRW)
  • Bundesanstalt für Arbeit (z.B. diverse Jobcenter)
  • höherer Justizvollzugsdienst (Haftanstalten)
  • höherer Polizeivollzugsdienst (Kripo)
  • Steuerverwaltung
  • Archivverwaltung
  • Krankenkassen
  • Rentenversicherung Land/Bund
  • sonstige Versicherungsanstalten
  • Kommunalverwaltung
  • Bankverwaltung
  • Post
  • öff-r. Rundfunk
  • Straßenbauamt
  • Umweltamt
  • Steuerverwaltung
  • Zollverwaltung
  • Gewerbeaufsichtsverwaltung

Die Tätigkeiten in der Justiz habe ich jetzt bewusst weggelassen. Der Erfolg einer Bewerbung als Richter oder Staatsanwalt ist immer noch sehr stark von den Examensnoten abhängig. Hier lohnt es sich nicht, Zeit zu vergeuden, es sei denn man möchte's unbedingt.

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Europäische Gemeinschaft als Arbeitgeber?

Auf den Webseiten des European Personnel Selection Office finden sich Stellenangebote auch für den juristischen Nachwuchs. Der juristische Dienst des Rates sucht immer wieder Juristen mit Kenntnissen des Nationalen und europäischen Rechts, die bereit sind flexibel und mobil zu arbeiten. Voraussetzung ist, neben der Staatsbürgerschaft eines europäischen Gemeinschaftsstaates auch gute Kenntnisse von mindestens zwei Gemeinschaftssprachen (eine davon Deutsch, Englisch oder Französisch). Die Examensnote spielt keine unmittelbare Note. In einem zweistufigen Verfahren wird man erst zur Bewerbung und dann zum Assessment Center zugelassen. Nach erfolgreichem Abschluss des AC, wird man als Jurist entweder in ein befristetes oder unbefristetes Anstellungsverhältnis übernommen. Als Beamter der EU, verdient man übrigens aktuell 4.384 € (AD5).

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Freie Wirtschaft

Als drittgrößter Arbeitgeber für Juristen gilt die freie Wirtschaft. Hier sind als typische Berufsfelder die

  • Versicherungen
  • Banken
  • Stiftungen
  • Rechtsabteilungen von Unternehmen

zu nennen. Als weniger typisch, dafür nicht weniger spannend können auch diverse Medien interessant werden:

  • Verlage
  • Magazine und Zeitungen
  • Fernsehen und Radio

Wer als Bewerber in der freien Wirtschaft erfolgreich sein möchte, braucht nicht selten das hochwichtige "Vitamin B". Besonders gerne werden auch Bewerber genommen, die schon während des Studiums als Werkstudent oder Praktikant sich bei dem Firmenchef verdingt haben. Es gilt der Kölsche Grundsatz: "man kennt sich, man hilft sich". Ohne die Beziehungen und Empfehlungen bleibt es der steinige Bewerbungsprozess mit ebenfalls Assessment Centern und Gesprächsrunden. Oft werden weitere Qualifikationen verlangt, wie Kenntnisse der EDV, BWL, Fremdsprachen oder s.g. Soft Skills, die man dann unter Beweis stellen muss.

Die Verdienstmöglichkeiten hier sind entsprechend der geltenden Vertragsfreiheit sehr unterschiedlich. Vieles hängt auch vom eigenen Verhandlungsgeschick ab.

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Was ganz anderes wagen?

Die Frucht von Loslassen ist die Geburt von Etwas Neuem.

Meister Eckhart

In diesem Abschnitt will ich noch auf ein Aspekt eingehen, was oft im Zusammenhang mit dem Thema untergeht. Es geht darum, sich zu überlegen, ob Rechtswissenschaften das ist, womit man sich sein ganzes Leben lang beschäftigen möchte. Klar, man hat viel Zeit und Geduld in die Ausbildung investiert. Vielleicht auch Erwartungen auf Seiten von Verwandten und Freunden geweckt. Aber wenn zwei Examina nicht rund gelaufen sind, dann kann (muss es aber nicht) es auch bedeuten, dass Jura einfach nicht das Richtige ist. Fühlst Du dich als kreativer Kopf durch die Starre der juristischen Dogmatik eingeengt? Wie wär's wenn Du außerhalb des Tellerrands in Richtung Kultur oder Soziales schaust. Bist du ein Textezauberer? Warum nicht ein Journalistikstudium dran hängen? Willst Du etwas in Deinem Umkreis bewegen? Engagiere Dich (stärker) in der Politik oder den Gewerkschaften!

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Wo suchen?

Abschließend noch eine Auflistung von Stellenbörsen und Karrieremessen

Tageszeitungen

Fachprintmedien

Internet

Karrieremessen

Bekannte

Eigene Initiative

Auch wenn Stellenausschreibungen Dich zur Bewerbung einladen, kann es sinnvoll sein, Dich auch mal initiativ zu bewerben, wenn Dich ein spezieller Job in einem bestimmten Bereich besonders reizt. So kannst Du vor allem in der freien Wirtschaft anderen Bewerbern zuvorkommen und Dein Interesse bekunden. Wenn allerdings Deine Bewerbung unberücksichtigt bleibt, oder Du mit einem Textbaustein als Antwort abgespeist wirst, so ist das kein Grund zur Enttäuschung. Einen Versuch ist es wert.

Ausblick

In einem der nächsten Beiträge werde ich versuchen das Thema des Bewerbungsschreibens näher zu beleuchten. Als Werkstudent konnte ich nämlich mal selbst die Bewerbungen sichten und auch Bewerbungsgespräche führen. Da kann ich ein bisschen aus eigener Erfahrung erzählen.

 

5 Antworten zu “Zweites Staatsexamen nur ausreichend – und nun?”

  1. Gast sagt:

    Sie schreiben: „Wer die Statistiken verfolgt, weiß vermutlich auch, dass die Endnote für viele Personalentscheider das Ausschlußkriterium ist.“

    Plausibel ist das schon. Aber gibt es darüber wirklich Statistiken??

  2. Boris S. sagt:

    Sie haben Recht. Das ist eine Ungereimtheit in der Formulierung. Ich werde die Passage überarbeiten!

  3. Martin S. sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel. Mein Ziel im 2. StEX sind nach wie vor 9 Punkte, aber falls es nicht klappt geht die Welt auch nicht unter 😉

  4. BR sagt:

    Zum Abschnitt „Europäische Gemeinschaft als Arbeitgeber?“ (der besser „Europäische Union als Arbeitgeber?“ hieße) wäre noch zu ergänzen, dass es auch Stellen gibt, die nicht über EPSO ausgeschrieben werden, sondern direkt bei dem betreffenden EU-Organ. Beim EuGH z.B. sind das diese Stellen: http://curia.europa.eu/jcms/jcms/Jo2_10741/direction-generale-de-la-traduction-collaborateurs-free-lance und diese: http://curia.europa.eu/jcms/jcms/Jo2_10298/#juristeDE.

  5. Martin M sagt:

    Die Examensnote spielt nach ein paar Jahren Berufserfahrung keine Rolle mehr. Oft können die durchschnittlichen Juristen mit den Mandanten viel besser reden, was viele Mandanten sehr viel mehr schätzen als juristisches blabla Und mit top-Noten wird man in einer Großkanzlei verheizt 12 Stunden am Tag.

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